Kleine Siegelkunde Weltladen Aachen


Kleine Siegelkunde Weltladen Aachen

Siegel … Firmenname … Firmenlogo … Marke …
im Fairen Handel.
Wer soll sich da noch auskennen?
Eine kleine Anleitung zum euchblicken
Februar 2014

Kleine Siegelkunde

Fairer Handel – Mehr als nur ein fairer Preis
Der Fairtrade-Mindestpreis ist ein Mindestkriterium. Fairer Handel heißt aber sehr viel mehr:

Es gelten partnerschaftliehe Prinzipien wie z.B. langfristige und möglichst direkte Handelsbeziehungen. Bei Bedarf erhalten die Genossenschaften schon vor der Lieferung eine Anzahlung, die so genannte Vorfinanzierung. Auch die Umstellung auf biologische Landwirtschaft wird im Fairen Handel stark gefördert.

Für viele Bauern ist es schwierig, ihre Ware zu vermarkten. Oft fehlt es an den einfachsten Dingen wie zum Beispiel einer Transportmöglichkeit der Produkte. Durch den Zusammenschluss in Genossenschaften haben die Bauern die Möglichkeit, ihre Produkte zu vermarkten, sich fortzubilden und für ihre Rechte einzutreten.

Außerdem sind im Fairen Handel ausbeuterische Kinderarbeit und Zwangsarbeit verboten. Angestellte auf Plantagen und in Fabriken erhalten eine angemessene Bezahlung und profitieren unter anderem von Schutzkleidung, bezahltem Urlaub und sozialer Vorsorge – alles Dinge, die bei uns selbstverständlich sind.

In den Industrienationen leisten viele engagierte Menschen Bildungs- und politische Arbeit, um die Verbraucher zu informieren und langfristig ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abzubauen.
Kurz gesagt:
Fairer Handel trägt dazu bei, dass Produzentinnen und Produzenten in Entwicklungsländern von ihrer Arbeit angemessen leben können.

Wer garantiert, dass der Handel „fair“ ist?
Zunächst gilt: „Fairer Handel“ ist rechtlich kein geschützter Begriff. So wird auch die Bezeichnung „fair gehandelt“ in vielen Bereichen verwendet, ohne dass es etwas mit dem Fairen Handel zu tun haben muss.

Es lohnt sich also, genau hinzuschauen.

Die drei Erkennungsmerkmale für fair gehandelte Produkte:
Die Marke – das Siegel – der Weltladen.


Üblich sind bei uns zwei Siegel: Das Fairtrade-Siegel und das Naturland Fair Zeichen.



Was bedeutet das Fairtrade-Siegel?

Struktur und Organisation
Hinter „Fairtrade“ stehen verschiedenen Organisationen: Der Dachverband FLO e. V. (Fairtrade International) setzt sich aus 25 Mitgliedern zusammen. Diese Mitglieder sind 19 Nationale Fairtrade Organisationen (NFO), drei Produzenten-Netzwerke, zwei Fairtrade Marketing Organisationen (The Czech Fair Trade Association und Europe Korea Foundation) sowie ein assoziiertes Mitglied (Comercio Justo Mexico).

Fairtrade International
Fairtrade International ist eine Nichtregierungsorganisation, die für die Entwicklung der Fairtrade-Standards und die Betreuung der Produzentengruppen verantwortlich ist. Fairtrade International ist der Dachverband der Nationalen Fairtrade Organisationen (unter anderem von TransFair) und der Produzenten Netzwerken.

Die Hauptaufgaben von Fairtrade International sind:
* Entwicklung der Fairtrade-Standards

Spielregeln für den Fairen Handel: Die Standards gelten für alle Fairtrade-Produzenten und Arbeiter. Auch die Händler und Unternehmen, die ihre Produkte mit dem Fairtrade-Siegel auszeichnen, müssen sich an die Fairtrade-Standards halten. Genauso die anderen Akteure der Lieferketten: Wie zum Beispiel Importeure, Exporteure und Lizenznehmer.

* Unterstützung von Produzenten

Fairtrade International unterstützt die Produzenten dabei, die Voraussetzungen zu erfüllen, die Fairtrade-Zertifizierung zu bekommen und schafft für die Bauern-Kooperativen neue Marktchancen. Dabei arbeitet Fairtrade International mit so genannten „Liaison Officer“ zusammen, die vor Ort bei den Produzenten sitzen. Sie unterstützen die Produzenten mit Schulungen, Beratung zur Zertifizierung und Kontakt zu Händlern.

* Einsatz für einen gerechten Welthandel

Eine weitere Aufgabe von Fairtrade International ist es sich bei Debatten über Handel und Entwicklung für einen gerechten Welthandel einzusetzen. Diese Aufgabe nimmt Fairtrade International zusammen mit anderen internationalen Fair Trade Organisationen – wie WFTO (World Fair Trade Organization), NEWS (Network of European Worldshops) und EFTA (European Fair Trade Association) – wahr. Zusammen betreiben diese Organisationen das „Fairtrade Advocacy
(Fürsprache) Büro“ in Brüssel. Das FTAO steht im Dialog mit Repräsentanten der Europäischen Kommission und des Europaparlaments und versucht auf die EU einzuwirken, um Fairtrade und Handelsgerechtigkeit voran zu bringen. Dieses Büro koordiniert die Aktionen die im Interesse der internationalen Fair Trade Bewegung in Europa und weltweit stattfinden.

Fairtrade-Standards
* Die Spielregeln des Fairen Handels
Die Fairtrade-Standards werden von FLO nach den von ISEAL (!SEAL Alliance, eine weltweite Vereinigung für Sozial- und Umweltstandards) vorgegebenen Richtlinien entwickelt.

In der Praxis bedeutet dies, dass alle wichtigen Akteure des Fairtrade-Systems beteiligt sind, wenn die Standards entwickelt werden. Diese sind Produzenten, Händler, Nationale Fairtrade Organisationen (NFO) wie TransFair und unabhängige Experten.

* Kernanforderungen und Entwicklungskriterien

Die Fairtrade-Standards bestehen aus Kernanforderungen („core indicators“) und so genannten Entwicklungs-Indikatoren („developmetn indicators“).

Die Kernanforderungen müssen von jeder Produzenten-Gruppe erfüllt werden, um die Fairtrade-Zertifizierung zu erhalten. Nach der ersten Zertifizierung müssen die Produzenten zudem die Entwicklungs-Anforderungen erfüllen. Diese sind weitergehender und haben unter anderem das Ziel, die Organisation und die Arbeitsbedingungen der Produzenten zu verbessern, aber auch langfristig wirkende Maßnahmen zum Schutz der Umwelt umzusetzen.

Die Kernpunkte der Fairtrade-Standards
Alle Fairtrade-Standards für Kleinbauern und für Beschäftigte von Plantagen beinhalten Anforderungen an die soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung. Zusätzlich gibt es spezielle Kriterien für die verschiedenen Produkte.

A. Soziale Entwicklung
* Stärkung von Kleinbauern-Familien

Kleinbauern, die am Fairtrade-System teilhaben wollen, müssen sich zu Organisationen zusammenschließen, um die Voraussetzung zu schaffen, ihre Produkte am Weltmarkt zu verkaufen.
Alle Mitglieder müssen demokratisch an den Entscheidungen der Organisation beteiligt werden und wenn möglich aktiv an ihr mitwirken.

Transparenz ist eine wichtige Voraussetzung für die Organisationen und jede Art der Diskriminierung ist verboten.

* Bessere Bedingungen für Arbeiter und Arbeiterinnen

Auf Plantagen geht es Fairtrade darum, durch die Standards soziale Rechte und Sicherheit am Arbeitsplatz der Beschäftigten zu fördern. Einige der wichtigsten Kriterien sind:

  • Verbot von Diskriminierung,
  • Möglichkeiten zur Weiterbildung,
  • Verbot von Kinderarbeit und Zwangsarbeit,
  • Tarifverhandlungen und Versammlungsfreiheit,
  • die Arbeitsbedingungen müssen den gesetzlichen Mindestanforderungen entsprechen,
  • Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitsvorsorge müssen gewährleistet werden,
  • die Verwaltung der Fairtrade-Prämie muss ermöglicht werden.

B. Ökonomische Entwicklung
Die Fairtrade-Standards schreiben für alle Produkte vor, dass ein Fairtrade-Mindestpreis und/ oder eine Fairtrade-Prämie an die Produzenten ausgezahlt werden muss.

Der Mindestpreis hilft den Produzenten-Organisationen dabei, dass durch die Einnahmen die Kosten einer nachhaltigen Produktion gedeckt werden. Die Prämie verbessert die Lebenssituation der Bauernfamilien, Plantagen-Arbeiter und -Arbeiterinnen und ihrer Dorfgemeinschaften, indem in Gesundheit, Bildung, Umwelt, Ökonomie usw. investiert wird. Dabei entscheiden die Bauern
und Beschäftigten selber darüber, wofür die Prämie genau verwendet werden soll.

Außerdem wird von den Händlern der Fairtrade-Produkte verlangt, dass sie den Bauern und Bäuerinnen eine Vorfinanzierung der Ernte ermöglichen, wenn diese darum bitten. So wird den Produzenten die Möglichkeit geboten sich weiterzuentwickeln und finanzielle Hürden zu überwinden. Gerade die ländliche Bevölkerung wird in ihrer ökonomischen Entwicklung gestärkt und dazu ermutigt, selber unternehmerisch zu handeln.

C. Ökologische Entwicklung
Fairtrade schreibt für Kleinbauernorganisationen, Plantagen und Vertragsanbau Umwelt-Standards vor, die eingehalten werden müssen.
Im Fokus stehen dabei:

  • Reduzierung des Einsatzes von Agrochemikalien im konventionellen Anbau,
  • Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen und Arbeitsschutzmaßnahmen,
  •  Abfallmanagement,
  • Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit,
  • Schutz der Wasserressourcen,
  • Verbot von gentechnisch veränderten Organismen und
  • die Bewahrung der Biodiversität.

Fairtrade-Produkte müssen laut den Standards nicht biologisch angebaut werden. Trotzdem wird der Anbau von biologischen Produkten gefördert- zum Beispiel durch höhere Fairtrade-Mindestpreise für Bio-Produkte.

Inspektion und Zertifizierung
Die Zertifizierungsgesellschaft FLO-CERT überprüft vor Ort, ob bei Produzenten und Händlern die Fairtrade-Standards eingehalten und die sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards erfüllt werden. Sie kontrolliert auch, dass die Produzentenorganisationen den festgelegten Mindestpreis und die Fairtrade-Prämie ausgezahlt bekommen.

FLO-CERT ist das unabhängige Zertifizierungsunternehmen von FLO. Das Unternehmen zertifiziert Produzenten und Händler in über 70 Ländern nach den Fairtrade-Standards. Dabei sind Inspektorinnen und Inspektoren in regelmäßigen Abständen vor Ort und überprüfen, ob die Fairtrade-Standards eingehalten werden.



Das Naturland Fair Zeichen

Das Naturland Fair Zeichen auf der Verpackung eines Produkts belegt, dass ein Produkt nach den ökologischen Kriterien von Naturland angebaut und verarbeitet wurde, und außerdem fair gehandelt ist. Voraussetzung für die Fair-Zertifizierung ist eine gültige Naturland-Öko-Zertifizierung.

Sowohl ökologische als auch Fair-Handels-Kriterien werden in einem Arbeitsgang überprüft. Das spart Kosten und Zeit. Durch Naturland Fair haben jetzt auch Bauern, Verarbeiter und Händler im Norden die Möglichkeit, sich nach Fair-Handels-Richtlinien zertifizieren zu lassen.

Richtlinien

Mit Sozialrichtlinien hat Naturland 2005 neue Standards gesetzt.
Ökologischer Anbau, sozialer Umgang im Miteinander und Faire Handelsbeziehungen sind die entscheidenden drei Säulen der Nachhaltigkeit. Sie stellen eine stimmige und konsequente Einheit dar. Insbesondere in einem fairen Umfeld kann der ökologische Anbau die Lebensgrundlage und die Existenz von Bäuerinnen, Bauern und deren Familien weltweit nachhaltig sichern.

Der ganzheitliche Anspruch der Naturland Richtlinien schließt auch den sozialen Umgang mit Menschen, die auf den Betrieben leben und arbeiten, mit ein. Soziale Verantwortung ist sowohl in der Erzeugung wie auch in der Verarbeitung integrativer Bestandteil der Naturland Richtlinien und eine elementare Grundlage auch für die Fair Zertifizierung.

Die nun vorliegenden Naturland Fair Richtlinien bauen zum einen auf der Naturland Geschichte auf und stellen ein konsequentes Ergebnis eines lange gewachsenen Prozesses dar. Sie präzisieren und erweitern die „Naturland Kriterien Faire Partnerschaften“. Anderseits beruhen sie auf der Definition von FINE und den Kerngrundsätzen der Fair-Handels-Organisationen, die in der Grundsatz-Charta für den Fairen Handel (WFTO und FLO 2009) beschrieben sind.

Im November 2009 hat die Naturland Delegiertenversammlung die dritte Säule der Nachhaltigkeit errichtet, die das ganzheitliche Konzept des Öko-Verbandes trägt:

Naturland Fair Richtlinien
Naturland hat auf Grund seines internationalen Engagements und der engen Zusammenarbeit mit den Fair Handelshäusern die weltweit geltenden FairRichtlinien entwickelt. Sie sind die konsequente Weiterentwicklung der „Kriterien Naturland Faire Partnerschaften“ aus dem Jahre 2006.

Bestehende Standards wie die “ A Charter of Fair Trade Principles“ sowie die Grundsätze von FINE, der internationalen Dachorganisation des Fairen Handels, galten in der Entwicklung der Naturland Fair Richtlinien als Mindestanforderungen.

Bei der Naturland Fair Zertifizierung handelt es sich um eine zusätzliche freiwillige Zertifizierung, deren Kontrolle mit der jährlichen Öko-Kontrolle zusammengeigt werden kann.

Folgende sieben Richtlinienanforderungen müssen fair zertifizierte Naturland Mitglieder und Partner in Zukunft erfüllen:

  1. Soziale Verantwortung
    wie z.B. gerechte Bezahlung, Versammlungsfreih.eit, Menschenrechte und keine Kinderarbeit.
  2. Verlässliche Handelsbeziehungen:
    langfristige, respektvolle Zusammenarbeit mit allen Handelspartnern.
  3. Faire Erzeugerpreise:
    partnerschaftliehe Preisfindung zur Deckung der Produktionskosten und angemessener Gewinn.
  4. Regionaler Rohstoffbezug:
    Vorrang für Betriebsmittel und Rohstoffe aus der Region.
  5. Gemeinschaftliche Qualitätssicherung:
    vertrauensvolle Zusammenarbeit der Handelspartner, auch im Problemfall.
  6. Gesellschaftliches Engagement:
    Investition in Arbeitsplätze, Umwelt-, Sozial-, Gesundheits-, Kultur- und Bildungsprojekte.
  7. Unternehmensstrategie und Transparenz:
    Fair-Gedanke im Leitbild und schriftliche Dokumentation der Umsetzung.

Und was ist mit Produkten, die kein Siegel tragen?
Das zweite Erkennungsmerkmale für fair gehandelte Produkte: Die Marke
GEPA, EI Puente, dwp eG zumSeispiel sind zu 100 Prozent Fair-Handels-Organisationen.
Daneben gibt es sowohl in Deutschland als auch in Europa und in anderen Ländern Fair-Handels-Organisationen, die ausschließlich Fairen Handel betreiben. Wenn Sie Produkte mit den Firmenlogos GEPA, EI Puente, Banafair oder dwp sehen, können Sie sicher sein, dass diese Produkte fair gehandelt sind. Denn diese Organisationen sind alle 100 Prozent Fair-Händler.

Das dritte Merkmal: Einkauf im Weltladen
Weltläden sind die Fachgeschäfte für Fairen Handel. In Deutschland gibt es mittlerweile um die 800 Weltläden. Die Weltläden waren es auch, die von Anfang an für den Verkauf fair gehandelter Produkte sorgten und gleichzeitig die Idee des Fairen Handels verbreiten.


Der Aachener Weltladen z.B. ist Mitglied im Weltladen-Dachverband, der ein eigenes Prüfverfahren für Lieferanten entwickelt hat. Zugleich ist der Dachverband anerkanntes Mitglied der WFTO und somit auf die anerkannten Fair-Handels-Kriterien verpflichtet, wie auch seine Mitglieder.

Fair gehandelte Produkte aus dem Kunsthandwerk tragen kein Fairtrade-Siegel – warum?

Kunsthandwerkliche Produkte bestehen häufig aus verschiedenen Materialien. Eine Trommel setzt sich z.B. aus Fell, Perlen und Fäden zusammen. Die einzelnen Bestandteile werden oft von unterschiedlichen Produzenten bezogen. Die verschiedenen Wege zu überprüfen, würde einen
enormen Inspektionsaufwand bedeuten und wäre damit auch mit hohen Kosten verbunden.
Die Produktionsprozesse für die einzelnen Materialien sind oft sehr unterschiedlich. Hinzu kommt: Die Situation von Kunsthandwerkerf-innen kann stark variieren.

Es ist deshalb schwierig, dafür einheitliche Standards zu erarbeiten. Aus diesen Gründen gibt es von Fairtrade International keine Standards für Kunsthandwerk und demzufolge auch kein Fairtrade-Siegel.

Es gibt allerdings im Fairen Handel zahlreiche Produkte aus dem Bereich Kunsthandwerk. Allein bei der GEPA sind es etwa 2.000 so genannte „Non-Food“-Artikel. Diese Kunsthandwerks-Produkte unterliegen entweder dem Monitaringsystem der WFTO oder dem der EFTA. Damit erfüllen sie die Kriterien, die erforderlich sind, um als fair gehandeltes Produkt vermarktet werden zu können.
Auch hier gilt: Das Logo der 100 % Fair-Händler steht für Fairen Handel.

Quellen: Homepages von Transfair e.V., GEPA, EI Puente, Fair Trade e. V. – Zusammenstellung: Heiner Grysar, Februar 2014